Arbeitsgemeinschaft Selbständige in der SPD, AGS:

Für eine soziale, nachhaltige und ökologische Wirtschaft

HWK und ASG zu: Akademisierungswahn

Veröffentlicht am 29.09.2015 in Veranstaltungen

v.l.:Gersemann,Nida-Rümelin,Ehlert.Quelle: Wilfried Meyer

Wieweit gefährdet der Akademisierungswahn die berufliche Bildung?

Eine Veranstaltung der Handwerkskammer Düsseldorf mit ihrem Kompetenzzentrum Soziale Marktwirtschaft in Partnerschaft mit dem ASG Bildungsforum am 28.9.2015 in Düsseldorf. Zum Thema referiert Prof. Julian Nida-Rümelin  Kulturstaatsminister a.D. Dazu erfolgt ein Statement von Olaf Gersemann, von der „Welt“.

Die Kooperation des Kompetenzzentrums der HWK Düsseldorf ( Leiter:  Dr. Thomas Köster) einerseits und dem ASG- Bildungsforum (Vorstand: Antonius Kerkhoff) hat sich in zurückliegenden Veranstaltungen bewährt.  Das Handwerk bietet zusammen mit dem ASG ein Forum für große gesellschaftspolitische Themen (Andreas Ehlert). So konnte man auch diesmal mit einer informative Veranstaltung mit kontroversen Diskussionen rechnen. Den Anlass, sich mit dem Thema Akademisierungswahn“ zu beschäftigen, verriet die Einladung: Aus Sicht von Handwerk und Mittelstand können wir uns angesichts der demographischen entwicklung und des Facharbeitermangels ein „Weiter so!“ beim „Akademisierungswahn“ nicht leisten.

Protokoll zur Veranstaltung:

Die Begrüßung und Einleitung übernimmt Andreas Ehlert ( Präsident der HWK Düsseldorf und des NWHT).

Seine Begrüßung gilt insbesondere den Veranstaltern,  Dr.Thomas Köster und Antonius Kerkhoff. Sein Dank gilt dem Sponsor Volksbank Düsseldorf Neuss eG

Er zeigt sich begeistert über den hohen Andrang von Besuchern. Statements  (sinngemäß) von Präsident Ehlert in seiner Einleitung:

  • Das Handwerk setzt weiter auf berufliche Qualifikation und berufliche Bildung
  • Jemand, der den Fuß in´s Gymnasium gesetzt hat, darf dem Handwerk nicht verloren gehen.
  • Bei der Dualen Ausbildung wird über den eigenen Bedarf hinaus ausgebildet.
  • Das Handwerk bietet den Einstieg in´s Unternehmertum
  • Berufliche Bildung darf keine Sackgasse sein ( Duale/ Triale Studiengänge)
  • Die Berufsbilder des Handwerks werden stetig angepasst.
  • Die bildungspolitische Debatte der OECD ist einseitig auf die Akademisierung ausgerichtet.
  • Die Akademisierung führt viele in die Sackgasse (Abbrecher).

Ehlert begrüßte die Referenten des Abends,

  • Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin von der Uni München. Nida-Rümelin war Kulturstaatsminister im Bundeskanzleramt und ist Autor des Buches: „Der Akademisierungswahn- Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung“.
  • Olaf Gersemann, Ressortleiter Wirtschaft-Finanzen, „Die Welt“, Berlin und Autor des Buches “Die Deutschland-Blase- Das letzte Hurra einer großen Wirtschaftsnation“.

Prof. Nida-Rümelin  sieht die berufliche und die akademische Bildung in der Krise und reformbedürftig.  Er hinterfragt die bestehenden Bildungsziele und kritisiert die Orientierung am Ausland und die Unterfinanzierung der Bildung. Es ist zu klären: Was ist erhaltenswert, was ist zu erneuern. Bildungsziel müsse sein, Autor des eigenen Lebens zu werden. Dazu stelle sich die Frage: Wer bin ich, wer will ich sein?                                                                          Begabungen seien vielfältig, ob handwerklich, technisch, mathematisch  oder sprachlich. Je einseitiger das Bildungssystem, je  schwieriger sei die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten. Es finde eine frühzeitige Selektion  nach oben wie unten statt.

Mit 6 Thesen kritisierte er den Akademisierungswahn:

  1. Abitur und Studium seien in Zukunft Normalfall, andere Bildungswege zweitrangig
  2. Abwertung nichtakademischer Ausbildungs- und Berufswege
  3. Der Anteil tertiärer Bildung sei das zentrale Qualitätsmerkmal von Bildungssystemen
  4. Akademikeranstieg sei unbegrenzt wünschenswert
  5. Es sei eine möglichst weitgehende Verlagerung beruflicher Bildungswege an Hochschulen anzustreben ( ErzieherInnen)
  6. Ohne Abitur und Studium drohe der sozio- ökonomische Abstieg (Mittelschichts-  Ängste).

Auf einer von vielen Schaubildern  weist  Prof. Nieda-Rümelin u.a. auf den Zusammenhang von  Akademikerquote, Jugendarbeitslosigkeit und BIP/Kopf in ausgewählten Ländern hin.

                                Akademikerquote Jugendarbeitslosenquote      BIP/Kopf  US$

Deutschland:                     17 %                            8 %                                        41.923     

OECD                                24 %                          20 %                                        36.830  

Großbritannien                   31 %                          21 %                                        35.471

Damit belegt er, dass eine hohe Akademikerquote kein Garant für niedrige Jugendarbeitslosigkeit und ein hohes BIP ist.

Weitere gezeigte Grafiken und Statistiken sollen belegen, dass die Verdienstmöglichkeiten von Akademikern nicht immer  höher als die bei Handwerksberufen liegen, beschäftigen sich mit Abbrecherquoten und Erwerbslosigkeit und werden insgesamt als Beleg für falschen Akademisierungswahn interpretiert.

Prof. Nida-Rümelin spricht sich für frühzeitige Eignungstests aus, um differenzierte Begabungen entsprechend fördern zu können.

Dem folgt das Statement von Olaf Gersemann. Der sieht Deutschlands Sonderweg „Duale Ausbildung“, als Erfolg verkauft, kritisch. Die „Deutschland-Blase“ entstehe durch eine zu Auto-lastige Wirtschaft und Forschung. Seine These ist: Studieren lohnt sich! Er belegt diese These, in dem er aus den bereits gezeigten und eigenen  Statistiken und Grafiken andere, teilweise gegensätzliche Schlüsse zieht, weil er sie anders interpretiert als Nida-Rümelin. Außerdem weißt er auf  eine kommende Revolution der Arbeitswelt hin, durch die Akademiker- Berufe kaum bedroht seien ( Kollege Roboter arbeitet für 5 €!). Er kritisiert die hohe Zahl von Ausbildungsverhältnissen in (seiner Meinung nach) digitalisierbaren Berufen. Es müsse verhindert werden, dass durch Digitalisierung der Arbeitswelt 2-3 Generationen negativ betroffen werden, ehe die positiven Aspekte dieser Entwicklung  voll wirken könnten.

In Nachsätzen weist Prof. Nida-Rümelin auf  Schwierigkeiten beim internationalen Vergleich von Bildungssystemen hin, sieht aber im Gegensatz zu Gersemann den deutschen Sonderweg „Duale Ausbildung“ als sehr erfolgreich an.

Gersemann bemängelt eine fehlende Abbrecherkultur in Deutschland. Es müsse sich auch bei uns  eine Kultur des möglichen Scheiterns entwickeln.

Dr. Axel Fuhrmann (Hauptgeschäftsführer HWK Düsseldorf)sieht einen unfairen Wettbewerb der Bildungssysteme, in dem staatliche Leistungen  bevorzugt in den Hochschulbereich fließen, die berufliche Bildung aber benachteiligt wird. Es müsse eine Debatte über Berufsschulen geben.

Es folgen Fragerunden des Publikums an die Referenten, die Dr. Fuhrmann souverän moderiert. Sein Rezept:  „Man gibt das Mikrofon nie aus der Hand“. Beispiele für Statements und Fragen:

Lothar Hellmann (Präsident des Zentralverbands der Deutschen Elektrohandwerke) stellt die rhetorische Frage, wer wohl die Digitalisierung in die Häuser bringen soll und gibt die Antwort gleich mit: Das Handwerk! Dr. Köster weist darauf hin, dass Aufstieg durch Bildung im Handwerk  ausgeprägt sei. Es gibt auch selbstkritische Hinweise darauf, dass sich das Handwerk um mehr Attraktivität bemühen müsse.

Antonius Kerkhoff spricht ein kurzes Schlusswort. Kerkhoff mit Blick auf die verschieden gedeuteten Statistiken: Zahlen sind das eine, Interpretationen das andere. Es komme auf die Befähigung zu selbständigen lernen und handeln. Man müsse, wie es Nida- Rümelin fordere, Autor des eigenen Lebens werden.

Die Veranstaltung schließt ab mit einem Imbiss und Umtrunk, einer Gelegenheit zu Gesprächen.

Bericht der Handwerkskammer Düsseldorf